Elbinsel, 23.08.2019
Wilhelmsburger Kunstbüro und Freunde Wilhelmsburger Kunstbüro und Freunde

Auszug aus einem Brief an die Veranstalter:
Das Festival ist vorbei und ich bin mit vielen Eindrücken, die allmählich sacken in mir, nach Hamburg zurückgekehrt ...  Ich bin viele Jahre nicht mehr in Polit-Gruppen gewesen und habe bewußt Distanz zu ihnen gehalten. Nicht, weil ich mich als unpolitisch begreife, sondern weil ich die Auseinandersetzung damals, das ganze Mit- und vor allem Gegeneinander in diesen Gruppierungen, als (für mich) LETZTLICH UNFRUCHTBAR, UNBEFRIEDIGEND, IRGENDWIE STERIL EMPFUNDEN UND ERLEBT HABE. Es fehlte das ganz Persönliche, Herzliche, Gefühlsmäßige. Rationalität ist mitunter sehr wichtig, aber ich hatte nicht nur einen Kopf, sondern auch Bauch und Unterleib, die ich aber in meine Polit-Arbeit in den 70er Jahren nie habe integrieren können (FAST nie). Ich denke, social act + beat ist ein Feld, um politisch zu sein UND zugleich auch privatere, intimere Dinge darzustellen und einzubeziehen (was wohl nur gelingen kann, wenn es so etwas wie einen Schutzrahmen gibt). Münster war für mich ganz stark auch ein Trip in die Vergangenheit. Es ist gut, sich zu erinnern – auch wenn es manchmal hart ist und alte schlechte Gefühle, demütigende Niederlagen u.ä. in einem hochsteigen.

Einer der STARS –auch wenn er gar nicht eingeladen war – war für mich Pablo. Er stellte sich ununterbrochen in den Mittelpunkt und machte sich wichtig, während die meisten anderen darauf warteten, von außen eine besondere Bedeutung zugesprochen zu bekommen. Natürlich störte er auch, und zwar teilweise massiv (auch mich). Aber ich habe nichts auf diesem Festival als so heilig empfunden, daß ich eine Störung als schweres Sakrileg angesehen hätte. Ich habe die 100-Mark-Spende (Pablos) als Großzügigkeit empfunden – und nicht als Versuch, sich in das Festival „einzukaufen“, wie es von einigen Kolleginnen interpretiert wurde. ...  Wie sind der Sonntag und der Montag noch verlaufen? Gab es noch Höhepunkte, Offenbarungen, besonders Bemerkenswertes, Überraschungen? (Na klar, eigentlich ist JEDE Dichterlesung, auf der die/der Vortragende etwas riskiert, BEMERKENSWERT!). Für mich war Münster das 2. Social Beat Festival, und ich habe es genossen, mit einigen Menschen auch in Kontakt gekommen zu sein (als reiner Konsument von Poesie tauge ich nichts...)  Der wichtigste Gedanke, den ich im Triptychon schon geäußert hatte (Anm. 2012: Ich meine, daß Tryptichon ein Lesungs-Ort war)  und wieder mit nach Hamburg genommen habe: DIE STAATLICHEN MONOPOLE KNACKEN. Poesie, Lebendigkeit und Wahrnehmungen sind überall. Der Staat will Kunst/Literatur/Musik etc. in bestimmte Häuser  sperren, wo er sie unter Kontrolle hat. Um sie finanziell auszubeuten und ihnen die (Spreng.)Kraft zu nehmen ... Und dieses Vorgehen funktioniert ja auch größtenteils. Der Staat ist nicht nur als Instanzen, Polizei, Justiz, Schulen, Ämter etc. erkennbare (und trotzdem schwer zu definieren: Wo fängt Staat an, wo hört er auf??) ALL-Macht, sondern steckt auch als verinnerlichtes Über-Ich in den Köpfen der Menschen. Kein Wunder!! Ich glaube, in einer FREIEN Kulturarbeit geht es auch darum, dem Kommerzstaat und auch den Kirchen bröckchenweise Raum abzutrotzen, Boden und Revier streitig zu machen. Das ist ein äußerst langwieriger, auf verschie-denen Ebenen verlaufender Prozeß. Wenn man von seinem eigenen Erleben/Empfinden ausgeht, kann man kaum allgemeinere Richtlinie aufstellen. Mein künstlerisches/kulturelles Arbeiten und Kämpfen zielt seit vielen Jahren eigentlich nur noch darauf ab, in meinem engeren Freundes- und Bekanntenkreis zu wirken, und DARÜBER evtl. weitere Kreise zu ziehen. Die großen, auf gesamtgesellschaftliche Veränderungen abzielenden Strategien der 60-er und 70-er Jahre liegen mir fern. Ich habe damit eigentlich nichts mehr zu tun. Damals, in meiner damaligen Polit-Arbeit („Schwarze Hilfe“, FSR Uni HH, BI’s gegen AKW’s usw.) habe ich mich fast immer instrumentalisiert und funktionalisiert gefühlt. Ich habe damals in diesen Gruppierungen nicht gefunden, was ich eigentlich gesucht habe. Und bin wohl auch nicht in der Lage gewesen, zum Ausdruck zu bringen, um was es mir gegangen ist (dazu hätte ich wohl stärker stören müssen, vielleicht so ähnlich wie Pablo??! – der natürlich / allerdings ein total? Anderer Mensch ist!).  Zu BEWUSSTSEIN zu kommen UND dabei auch Gefühle, Sexualität, seelische Vorgänge einzubeziehen, ist ein dynamischer Prozeß, der äußerst komplex ist, lange dauert ) – lebenslänglich, meine ich) und auch Reflexion mit einbe-zieht. Diesen Prozeß, dieses umfassende Mensch-Werden und durch meine psycho-physischen Zustände hindurchgehen (die AUCH durch die Außenwelt bedingt werden), dieses Wachsen kann ich eigentlich nur als FREIER Künstler und Dichter bewältigen ...    
Für mich ist schon immer wichtig gewesen, hinter die Fassaden zu schauen – auch wenn man (wie mir im Nachhinein klar wird) in eine Welt der Fassaden und des Scheins hineingeboren und dazu erzogen wird, selber Fassade und Schein zu sein (+ die Fassaden der anderen in Ruhe zu lassen). Auch im Social Beat empfinde ich vieles als Fassade (fassadenhafte Sprache, fassadenhafte Rollen). Ich bleibe auch im SB streitbar und querköpfig. Aber hier, in dieser Bewegung, sind immerhin sehr gute Ansätze ...
 
Raimund Samson,  1996 - 2012
 
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